Scham ist nicht nur eine Folge von Bindungstraumatisierungen – sie kann selbst traumatisierend wirken. Wenn Kinder wiederholt erfahren, dass ihre Gefühle, Bedürfnisse oder Grenzen abgewertet, übergangen oder lächerlich gemacht werden, entsteht ein existenzieller Selbstzustand: nicht „Ich mache etwas falsch“, sondern „Ich bin falsch“.
Scham zeigt sich dann als tief verankerte Art, sich selbst zu erleben. Sie geht häufig mit Rückzug, der Vermeidung von Nähe, Unsicherheit im Körpererleben und Schwierigkeiten einher, die eigenen Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen oder zu vertreten. Nach außen wirken Betroffene oft angepasst oder leistungsfähig – innerlich engt sie die Angst vor erneutem Beschämtwerden jedoch stark ein.
Dieser Zustand ist eng an soziale Erfahrungen gebunden. Scham wurde in beschämenden Bindungskontexten zur Voraussetzung für Zugehörigkeit. Dadurch koppeln sich Scham und Bindung: Nähe fühlt sich nur „sicher“ an, wenn der eigene Selbstwert klein bleibt.
Scham kann dann paradoxerweise Zugehörigkeit ermöglichen. Selbst entwürdigende Beziehungen werden aufrechterhalten – oder sogar aktiv gesucht. Scham wird zum Preis für Nähe, bis hin zu dem inneren Erleben, dass nur beschämende Personen einen „richtig“ behandeln. Besonders deutlich zeigt sich diese Dynamik in der Körperlichkeit und Sexualität.
Die langjährig erfahrene Traumatherapeutin Ingrid Wild-Lüffe vermittelt ein traumasensibles Verständnis von Scham als existenziellem Selbstzustand und zeigt, wie ein würdevoller, beziehungsorientierter Umgang den Selbstzugang und die Regulation fördern kann. Scham verschwindet nicht durch Konfrontation, sondern dadurch, dass ihre Funktion in unseren Bindungsbedürfnissen verstanden wird.
Live-Online-Vortrag mit anschließender Diskussion. Ohne Aufzeichnung – damit Austausch und Fragen in einem geschützten, vertraulichen Rahmen Platz haben.
Ingrid Wild-Lüffe ist Psychologische Psychotherapeutin und Traumatherapeutin (DeGPT). In ihrer Arbeit unterstützt sie Menschen, die durch traumatisierende Bindungserfahrungen geprägt sind und mit komplexen Traumafolgen sowie Dissoziation leben. Sie ist Vorstandsvorsitzende des Traumahilfezentrums München.
19.00–20:30 Uhr
Werden bei der Bayerischen Landesärztekammer beantragt.
33 €
Bitte vollen Vor- und Nachnamen angeben (im Anmeldeformular und in Zoom).
Anmeldeschluss: Tag der Veranstaltung um 17.00 Uhr.
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